Beiträge von Sengwareis

    Zitat

    Nicht sträflich, auf Seiten der Vanen war die Geschwisterehe erlaubt und
    genau wie bei der Verbindung zwischen Skadi und Njödr sind uns keine
    Kinder bekannt. Das heißt aber nicht, dass es keine gibt.

    Loki wirft Freya ja explizit vor, von den Asen dabei erwischt worden zu sein ;-), von daher -> klar keine gute Sache. Vanaheim liegt doch weit genug entfernt von Asgard ;-)

    Zitat

    Die germanische Mythologie ist so reich, da muss du nicht ständig mit Beispielen aus der griechischen Mythologie kommen.

    Ich meine sie ja auch nicht als Korrektur, sondern als Ergänzung, aber das muss ja auch nicht sein.



    Die Geschichte mit den Ortnamen hatte ich ja bereits weiter oben erwähnt. In Dänemark finden sich keine Ortsnamen auf Ullr, dafür aber viele auf Tyr. In Schweden wiederum findet sich im Osten und Norden des Landes kein Ortsname auf Tyr. Und gerade im Bereich des Heiligtums von Uppsala dominiert Ullr. Und in Norwegen wiederum finden wir gerade die Schnitmenge: Hier gibt es einige Gebiete mit Tyr- und andere mit Ullr-Ortsnamen. Aber niemals nahe beieinander. Die scharfe räumliche Trennung spricht für mich klar dafür, dass es derselbe Gott ist. Man baut ja auch kein Odinsaker neben einem Odinsve oder Odinslund. Jedenfalls kam so etwas bei den Ahnen niemals vor. Und gerade bei den Ullrs-Ortsnamen (es gibt mehr davon als von fast allen anderen Götter-Ortsnamen zusammen!) wäre allein schon aus dem Zufallsprinzip ein Ullsaker neben einem Tysaker zu erwarten. Gibt es aber nicht. Und das völlige Fehlen von Ullr in Dänemark muss auf jeden Fall überraschen, erschließt sich aber sofort, wenn man weiß: Jede Menge Tyrs-Namen. Die Dänen bevorzugten einfach den Klang dieses Namens des Ullr-Tyr. Ohnehin ist "Ullr" mehr ein Adjektiv und verwandt mit dem Gotischen "Wulthus" was strahlend, glänzend, herrlich bedeutet. "Der herrliche Gott" klingt auch ziemlich einleuchtend für mich. Das Fehlen von näheren Berichten über Ullr in den Eddas erschiene auch kurios bei dem überwältigenden Häufigkeit der Ortsnamen mit Bezug zu ihm, wüsste man nicht, dass er in Tyrs Taten mitgeschildert wird.

    Zitat

    Nein, das ist keine moderen Interpretation. Die Deutung ergibt sich aus
    der naturmythologischen Ebene der Mythen und ist damit uralt.

    Naja, da argumentierst du aber wie mancher Neu-Heide, für den Hyrrokin eine Todesbeistandsgestalt ist, weil sie beim Tode Baldrs zugegen ist. Ich finde nicht, dass man so beliebig seine eigene Interpretation als uralt darstellen kann, weil sie sich aus der Deutung ergäbe. Ich kann Sifs Haar auch als Goldfäden deuten und Lokis Abschneiden derselben als Raubbau an der Natur, wofür er Buße leisten muss. Wir waren uns ja schon darin einig, dass die Tatsache, dass manche Heiden Dinge so oder so betrachten nicht zwangsläufig heißt, dass diese Sicht den Göttern gefällt. Ich weiß ja nicht, wie lange effektiv gesehen Sif schon als Getreide-Haar verehrt wird, daher will ich hier gar nicht die Anhänger diese Naturmythologie-Theorie als im Unrecht darstellen. Aber uralt ist dann doch ein Anspruch für den man zumindest das eine oder andere Handfeste vorweisen sollte.

    Zitat

    Ich finde
    auch es wirklich faszinierend, das deine Kenntnisse über die nordischen
    Sprachen so unglaublich umfassend ist, das du solch eine Aussage treffen
    kannst. In alten deutschen Volksagen taucht Sif, als Roggenmuhe oder
    Kornweib auf.

    Danke ;-), nein, ernsthaft: Ich beziehe mich natürlich auf Untersuchungen, die Forscher unternommen haben. Natürlich geben ich zu, dass Sif anderen Namen gehabt haben kann und dass sie unter diesen Namen verehrt wurde. Das Problem dabei ist: Es tauchten extrem viele unterschiedliche Namen auf, von zig Göttinnen. Darunter sich jetzt die erstbeste, die für Korn angerufen wird als Sif herauszupicken, das finde ich zumindest gewagt. Snorri liefert uns ein gutes Dutzend und vermag doch keinen ausführlichen Mythus für jede beizusteuern. Ich meine, warum muss die Roggenmuhe denn zu 100% Sif sein? Weil einige Leute Sifs goldenes Haar als Getreibe interpretiert haben? Ich stelle gar nicht zur Disposition, dass man das so sehen KANN, aber das ist kein Selbstläufer, kein "Das ist doch sooo offensichtlich".


    Vielleicht nochmal ein weiteres Analogon: Manche Heiden verehren heutzutage Baldr und Nanna als personifizierte Sinnbilder der Wiedergeburt der Natur in der dunklen Jahreszeit. Allerdings gibt es nicht den Hauch eines Hinweises, dass irgendein germanischer Heide um das Jahr 950 n. Chr. so etwas getan hätte. Keine Ortsnamen, keine Weihinschriften, keine diffamierenden Berichte von christliche Chronisten oder arabischen Kaufleuten. Rein gar nichts. Baldrs gesamte Stellung bei diesen Heiden beruht auf Interpretation (und kann meines Erachtens den Anspurch "uralt" niemals erheben). Wenn wiederum Snorri z.B. schildert, dass das Schneiden der Fußnägel von Toten Ragnarök aufhalten könnte, dann ist dieser lange bezeugte Glaube mit Sicherheit uralt. Hätte Snorri geschrieben "und so war es denn Brauch, zur Zeit der Ernte des Getreides der Sif eine Garbe zu weihen oder ihren Namen anzurufen" würde ich dir und jedem anderem Brief und Siegel geben: Uralt. Todsicher.


    Ich lege (für mich) ja keine so strengen Maßstäbe an, weil ich strenge Maßstäbe so toll finde oder weil es ich so toll finde alle anderen "dumm dastehen" zu lassen. Ganz im Gegenteil. Ich spüre immer wieder eben den Drang gewissen Dingen nachzuspüren und gewisse Zusammenhänge zu beleuchten. Wenn mich hierbei Loki leiten sollte, tut mir das Leid. Aber als Anhänger des Gottes der Weisheit und des Wissens, der sein Auge gab für Erkenntnis, kann ich beileibe nicht hinter dem Berg halten, nur weil für manche sich bereits Sachverhalte in Stein gemeißelt haben, die nicht unbedingt korrekt sind. Oder so gesprochen: Auch ein unhistorisches Baldr-Nanna-Blót an Mittwinter ist immer noch besser als gar kein Opfer und es spricht rein gar nichts dagegen neue Opfer, neue Kulte etc. einzuführen. Aber ich finde es durchaus unangemessen, wenn für alles "die Ahnen" herhalten müssen. Was die angeblich alles geglaubt und getan haben... Müssen wir das wirklich heute genauso tun, wie schon seit dem 18. Jahrhundert die Sitte war? Da wurde den Germanen auch alles mögliche unterstellt, hineininterpretiert und -projiziert. Wenn ich mir meine Ahnen schon erklären lassen muss, dann bitte mit handfesten Belegen ;-)

    Zitat

    Es gab sehr wohl auch eine Zeit, wo Christentum als Sippenschande galt
    und Christen für das Betreten der (heidnischen) Heiligtümer erschlagen
    wurden.

    Da muss ich dich jetzt freundlich um die Quelle bitten ;-), woher hast du das?

    Zitat

    Doch nicht aus großem Gefühl der Toleranz, sondern aus einem Gefühl der Unsicherheit und Angst.

    Nagut, ich glaube, da können wir beide uns wohl nur schemenhaft ein Bild davon machen, was genau in den Menschen vorging. Vielleicht war mancher tolerant, vielleicht war mancher ängstlich. Pauschalisierung ist ja immer beschissen ;-)

    Zitat

    Jedoch gestatte ich keinem Christen die Teilnahme an den Blóts, die ich leite.

    Das versteht sich ja ohnehin von selbst, du kannst natürlich auch jedem Heiden die Teilnahme verwehren. Es besteht ja keine heidnische Pflicht jeden zur Blusterung zuzulassen. Wir sind ja nicht die evangelische oder katholische Kirche, die per se jedem vergeben und ihn bei Reue wieder zulassen muss ;-)

    Zitat

    Jemand der regelmäßig christliche Gottesdienste, Bibellesungen usw
    besucht, sich auch willentlich konfirmiert und hat taufen lassen, umgibt
    sich Geistern und Energien, welche auf dem heiligen Blót nichts
    verloren haben.

    Was genau meinst du damit? Glaubst du, dass der christliche Gott die Macht hat negative Energie auf Gläubige zu übertragen, die diese dann zu den Opfern mitbringen? Oder glaubst du, dass christliche Gottesdiensten von Thursen und Schwarzalben begleitet werden? Da wäre ich gespannt auf deine Sicht ;-)

    Zitat

    Können wir bitte bei den Germanen bleiben. Die alten Griechen in allen ehren, aber hier geht es ums germanische Heidentum.

    Ich würde da keine grundsätzliche Trennung vornehmen, da sich zu dem Zeitpunkt, auf den ich Bezug nahm, die Griechen erst seit ca. 1300 Jahren aus der indogermanischen Gruppe abgespalten hatten. Aber gut, bleiben wir bei den Germanen.

    Zitat

    Die Pfahlgötzen unserer Ahnen sind sehr abstrakt und unterscheiden sich
    schon sehr stark von den Götterbildnissen der hellenischen Kultur.

    Das könnte man durchaus so interpretieren. Aber aus Holz kann man eben grundsätzlich weniger feine Werke herausarbeiten als z.B. aus Marmor oder anderen Materialien. Außerdem erfordert eine wirklich menschenähnliche Skulptur enorm viel Zeit und Aufwand. Da spielen einfach die Lebensverhältnisse eine Rolle. In einem warmen Land mit blühender Ackerkultur wie z.B. dem alten Griechenland gab es genug zu essen, es blüten Olivenbäume, die man nur abernten brauchte, Schafe weideten auf weitläufigen Wiesen, das Meer war reich an Fischen und Muscheln und hatte warme Temperaturen. In dieser Umgebung konnte es sich eine Gemeinde leicht leisten für mehrere Monate bis Jahre einen Mann zu entbehren, der sich alleine auf das Anfertigen eines Götterbildes konzentrierten oder das sogar sein Leben lang tat. Im rauen Norden dagegen war Nahrung knapp, dichte Urwälder ermöglichten nur mühsam eine Viehzucht und die Tiere selbst waren klein und gaben wenig her. Die Jagd war lebensgefährlich und nicht in jedem Monat möglich. Gewässer waren kalt und eisig, oft zugefroren und jedes bisschen Nahrung war kostbar. In dieser Lebenswelt einen Mann längere Zeit abzustellen, das war kaum möglich. Bestenfalls konnte er nach einem harten Arbeitstag noch im Schein des Herdfeuers im Langhaus ein wenig schnitzen. Da darf man keine Gesichtszüge einer Zeus-Statue wie im berühtmen Weltwunder erwarten ;-)


    Ich schätze meine Ahnen sehr und glaube daher, dass sie gewiss feiner Statuen fabriziert hätten, wären ihnen mehr Möglichkeiten zur Verfügung gestanden. Aus späteren Zeiten erfahren wir sogar von vergoldeten Statuen im Tempel von Uppsala. Leider sind diese Statuen nicht erhalten, aber zu ihrem Aussehen können wir beide nichts sagen. Wären sie allerdings rein abstrakt gewesen, hätte das den alten Adam von Bremen aber vielleicht wieder zu einer herablassenden Aussage über die Heiden veranlasst, bei ihm liest sich das ganze allerdings eher doch respektvoll.


    Zitat

    Der Mensch besitzt einen freien Willen, da haben solche Entwicklungen nicht zwangsläufig etwas mit göttlicher Zustimmung zu tun.

    Natürlich folgt aus A nicht automatisch B. Keine Frage. Aber ich wage doch zu bezweifeln, dass die Götter ein Treiben, welches ihnen missfällt allzu lange tolerieren. Ich kann nicht den Segen der Götter erbitten und ihn als Lohn für ein unseliges Tun auch noch erhalten. Segnen die Götter das Tun dieser Mitheiden, segnen sie dann schon zwangsläufig einiges mit. Das kann man natürlich nicht nach einem Jahr oder wenigen Monaten entscheiden. Aber vielleicht kann man es retrospektiv nach einigen Jahrzehnten tun. Vielleicht sogar im Vergleich mit Mitheiden, die darauf verzichtet haben. Wessen Gras dann grüner ist, der hattte wohl die Zustimmung der Götter, der andere nicht ;-)

    Ein "echter Name" ist für mich ein Name, der im Personalausweis steht, d.h. den jeder kennt, also nicht alleiniger Kultname, sondern auch Personenname.


    Kultname klingt für mich eher nach geheimer Zirkel, sofern der Kultname nicht durch den Kult zum Leben dazugehört. Man muss ja heute weder sein Bluster im Geheimen feiern, noch seinen Namen verbergen. Außer vielleicht vor Fremden, die Böses wollen. Aber in unserer heutigen Welt ist das ja nicht mehr so gegeben ;-)

    Das es auch unter Konvertiten, die z.B. zum Judentum oder Islam wechseln, völlig üblich ist, einen neuen Namen anzunehmen, wäre es m.M.n. auch völlig legitim als germanischer Heide einen neuen Namen anzunehmen und mit dem alten Namen auch die alte Religion oder Nicht-Religion hinter sich zu lassen. Ein Kultname wäre damit auch gut als echter Name im realen Leben, gerade um zu untermauern, dass man nun einer neuen (bzw. alten) Religion angehört. Ist das bei euch auch so geplant?


    Gerade Namen waren unseren heidnischen Vorfahren schon immer wichtig. Ein schwedischer König wurde dereinst von Bauern nicht als König anerkannt, weil den (ihnen unbekannten) Namen Jakob trug. Damit er König werden durfte gaben sie ihm den (heidnischen) Namen Anund und ließen ihn erst durch diesen zum Herrscher werden. Auch wenn heutzutage Namen eher Schall und Rauch sind, sollten gerade wir die Namen und ihre Bedeutung wieder hochhalten.

     

    Zitat

    "Stephen McNallen sagt ja auch, das wir keine Sklaven der Götter sind, sondern sie unsere Freunde sein."


    Mir gefällt die Wortwahl nicht.

    Und mir auch nicht. Erstmal geht es darum, was man unter einem Sklaven versteht. Ein unfreier Mensch, der zum unterwürfigen Schuften angehalten ist? Nun, in diesem Sinne sind wir es nicht. Würde man unter Sklaven allerdings wiederum einen Gefolgsmann oder Vasallen verstehen, dann sollte man zustimmen. Freund passt im heutigen Sprachgebrauch beim besten Willen nicht mehr.


    In gewisser Weise geht aus der Beschreibung der Erschaffung der ersten Menschen hervor, dass sie nicht zweckgebunden geschaffen werden. Anders als z.B. in biblischen Mythos oder in anderen, bei denen Menschen zur Arbeit und für die Opfer an Götter erschaffen werden. D.h. die Götter leben in germanischen Vorstellung nicht von den Opfern, sondern es sind freundliche Gaben. Im babylonischen Mythos wird sogar davon erzählt wie die Götter Hunger litten, nachdem sie mit einer Sintflut (daraus wurde die Geschichte von Noah schlicht geklaut) die Menschheit fast ausgelöscht hatten.


    Ich würde es so sagen: Die Götter sind unsere Verbündeten oder andersherum wir sind Verbündete der Götter. Mancher erinnert sich vielleicht daran, dass die Götter im heidnischen auch als "die Bindenden" bezeichnet werden. Bündnis und verbünden stammen ja aus dem verbinden, binden, gebunden sein. Wir sind also an sie gebunden, durch sie gebunden. Aber nicht so eng, dass wir erdrückt würden, sondern so nah, dass wir ein gutes Leben in ihrem Licht führen dürfen (wenn wir das Licht denn sehen und zu schätzen wissen)...

    Zitat

    Das sehe ich wiederum anders: Wenn man Christ ist, darf und kann man den
    Göttern nicht opfern.

    Ich denke, wir sehen das schon gleich. Du meinst das Verbot ja auch aus dem christlichen Kontext heraus, oder? D.h. nicht unsere Götter verbieten dem Christen, dass er ihnen opfert, sondern der Christengott verbietet den Christen unseren Göttern zu opfern. Es gibt ja zuhauf Beispiele aus der Geschichte von Menschen, die beides taten. Mancher Nordmann glaubte an Christus und betete in der Kirche zu ihm, aber opferte vor Seereisen Thor für gute Überfahrt. War das schon Gotteslästerung? Aus Sicht eines Katholiken: Mit Sicherheit. Aus Sicht eines Heiden? Anscheinend nicht, der Mann war ja erst Heide und wurde dann Christ (ohne offenkundig tiefere Kenntnisse über das Christsein zu erlangen).


    Zitat

    Wenn ein Christ nun jedoch an die Götter glaubt
    und diesen opfern möchte, ist er oder sie aber kein Christ.

    In gewisser Weise ist er dann per definitionem kein Christ mehr, weil Christen nur an einen Gott glauben. Aber wiederum nach der christlichen Logik ist Vergebung ja immer wieder möglich. D.h. der Christ kann bedenkenlos den Göttern opfern, um ihren Beistand zu erhalten und anschließend in der Kirche seine Sünde beichten, Vergebung und erlangen und den Christengott um Beistand bitten. Heuchelei? Nach christlicher Lesart ganz gewiss. Nach heidnischer Sichtweise? Nun, wie oben erwähnt, das gab es zuhauf und wurde erst durch ein stärker werdendes Christentum unterbunden. Selbst der heidnische Widerstand um die Ladejarle tat sich nicht dadurch hervor Menschen zu verbieten dem Christengott zu opfern, sondern dadurch wieder und vor allem vermehrt den übrigen Göttern zu opfern.


    Was hieße das für einen heidnischen Priester? Er würde jedenfalls keine Gesinnungsschnüffelei betreiben á la "Hast du in letzter Zeit eine christliche Kirche besucht? Wenn ja, darfst du hier nicht opfern!", sondern eher auf die historisch-belegten Makel achten, die da wären Mord, Vergewaltigung, Diebstahl etc. in letzter Zeit begangen, was klare Ausschluss-Kriterien für Opfer-Teilnahmen wären.

    Zitat

    Denn hier ist die Gefahr groß, die Götter zu sehr zu vermenschlichen, was ich halt nicht für gut halte.

    Aber gerade hier stellt sich wieder die Frage: Geht überhaupt zu viel? Was heißt denn "zu viel"? Wie viel Mensch steckt in den Göttern oder besser wie viel Gott steckt in den Menschen? Menschen sind bisweilen wütend, ekstatisch, wenn Wodan der Herr über diese Eigenschaften ist, kann man ihn dann zu menschlich darstellen, wenn man ihn als wütenden, rasenden Herren der Wilden Jagd sich vorstellt? Nicht alles, was menschlich ist, ist damit automatisch nicht-göttlich. Als Heide geht man ja von der Chronologie zuerst Götter, dann Menschen aus, also haben Menschen Eigenschaften der Götter, nicht umgekehrt bzw. wenn Menschen Eigenschaften der Götter haben, sind diese Eigenschaften per se göttlich und zugleich menschlich. Oder anders ausgedrückt: Wenn Wodan denken kann und dem Menschen das Denken schenkt, dann kann ein denkend gedachter Wodan niemals zu menschlich sein.


    Um ehrlich zu sein, kann ich auch den Standpunkt gut nachvollziehen, den Göttern überhaupt keine menschliche Gestalt o.ä. beizumessen. Homer und Hesiod wurden bereits Jahrhunderte vor Christus für ihre menschlichen Darstellungen der Göttern getadelt, allerdings mehrheitlich akzeptiert und dieses menschliche Bild der Götter setzte sich bei den Griechen durch und wurde zum Hauptantrieb der bildenden Künste. Ohne diese Vermenschlichung (ich sehe darin ja eher ein umgekehrtes Prinzip, wie oben geschildert) gäbe es heute nicht tausende von Götterstatuen o.ä. Dass es unsere Vorfahren ähnlich sahen beweisen ja die zahlreichen Götterbildnisse auch im germanischen Heidentum, sowie die Pfahlgötzen. Und auch heute scheint sich ja in der Heidenszene wieder der Hang zur "Vermenschlichung" durchzusetzen. Wenn diese Strömung früher dominierte und es heute tut, dann kann ich nicht anders als darin (in gewisser Weise) göttliche Zustimmung zu sehen.


    Wobei die Götter ja schon in den Liedern völlig über-menschlich überzeichnet sind. Niemand käme an die Macht und Stärke des Thor heran oder an die Weisheit Odins oder eben auch an die Listigkeit und Hinterhältigkeit des Loki. Allerdings haben wir dennoch manchen starken Kerl unter uns oder eben verschlagenen Gauner...

    Zitat

    Wir Heiden schänden keine Kultorte!

    Jedenfalls nicht unsere ;-). Nein, im Ernst. Dafür wäre ein Dachverband, der eine gemeinsame Erklärung abgeben könnte, wieder mal sehr sinnvoll.


    Ich stelle es mir auch sehr schwierig vor bei den Egg-Stern-Steinen (so der wahre Name, der immer hinter dem pseudo-lateinischen Extern verborgen wird) ein heidnisches Ritual abzuhalten. Waffenlosigkeit ist ein doch sehr allgemeines Grundanliegen aller germanischen Heiden bei einem Ritual. Dolchtragenden Wiccas oder andere stören da doch eher. Man muss ja niemanden des Platzes verweisen, aber hier müsste man erstmal einen Bereich z.B. einhaseln, weihen und könnte dann erst ein Ritual abhalten. Wenn nebenher ständig Leute umherstreunen wird das doch eher lästig, kann ich mir vorstellen.

    Zitat

    Bei der Verbindung zwischen zwei Göttern entsteht immer etwas.

    Der Satz kann ich so nicht unterschreiben. Bei der (sträflichen?) Beziehung Freyr - Freya entsteht kein Kind der beiden. Auch die Ehe zwischen Skadi und Njördr bleibt soweit kinderlos. Und auch aus der Verbindung Bragi - Idun ist mir kein Nachkomme bekannt. Die Götterpaare, die Kinder zeugen, sind Odin - Frigg, Thor - Sif, Baldr - Nanna und Freya - Odr, sowie auch Loki - Sigyn. Jedenfalls soweit die Überlieferung etwas hergibt. D.h. weitere Nachkommen sind nicht ausgeschlossen. Gerade z.B. die griechische Mythologie überliefert uns eigentlich für jeden (Haupt-)Gott mehrere göttliche und auch halbgöttliche Nachkommen. Allerdings OHNE, dass diese jemals in nennenswertem Umfang verehrt worden wären. Analog könnten also auch beispielsweise mehrere Söhne des Widarr bekannt sein, die allerdings nie durch Opfer geehrt wurden und dessen Frau völlig unbeachtet im Mehrheits-Kult blieb.

    Zitat

    Sif´s Haare sind das goldene Getreide.

    Das ist eine schöne Interpretation, aber eher eine moderne als eine der damaligen Zeit. Nach Sifs Haaren benannt ist jedenfalls nur eine Moos-Art. In den nordischen Sprachen finden sich keine Sprichwörter, die auf Sif und Getreide Bezug nehmen (anders als z.B. die Redensart, dass Loki seine Kinder schlägt, wenn es im Kamin knistert).



    Nun aber mal zur Gleichsetzung von Ullr und Tyr. Eines der Argumente hatte ich ja bereits genannt: Die Ortsnamen. Daneben vergleicht sich bereits ihr Wesen sehr stark. Ullr ist ein Gott der Zweikämpfe und Tyrs Rune soll man sich vor Schlachten aufs Schwert ritzen. In einer alten Kenning wird Tyr als Ring-Tyr bezeichnet und Ullr ist mit dem Eid-Ring verbunden. Über Sifs Abstammung heißt es, dass sie niemand kennt. Also ob göttlich, riesisch, vanisch bleibt völlig im Dunkeln. Tyrs Mutter, die in der Hymiskvida auftritt, wird als lichte, freundliche, den beiden Göttern wohlgesinnte Frau beschrieben. Allesamt völlig unpassend für eine Riesen. Selbst die Riesin Grid, die Thor gegen Geirröd beisteht wird nicht derartig als angenehme Erscheinung geschildert. Es ist glaube ich gut bekannt, wie oft Riesen darauf aus sind Göttinnen zu rauben. Thjazi, Hrungnir seien hier genannt. Dass es also einem Riesen mal geglückt sein sollte erscheint mir nicht abwegig. Immerhin wurde auch Idun schon einmal geraubt und kam erst durch List wieder frei. Daraus ließe sich druchaus rekonstruieren, dass Tyrs Mutter geraubt wurde und Hymir sein Vater ist. Auch Hymirs Name (schwierig zu deuten), der auf das uralte -mir (wie in Aurgelmir, Bergelmir etc.) endet, scheint mir auf Urzeiten hinzuweisen. Auch, dass Ullr-Tyr Thors Stiefsohn ist, würde gut damit harmonieren, dass beide gemeinsam losziehen, um von Hymir den Kessel zu holen. Logischerweise liegt Tyrs Sympathie bei seinem göttlichen Stiefvater und nicht bei seinem riesischen Erzeuger. Wie auch die Götter Odin, Vili und Ve nicht zögern alle Verwandten ihrer Mutter Bestla im Blute Ymirs zu ertränken. Blutsbande mit Riesen erscheinen mir den Quellen nach eher als lästig für Götter. Riesen sind per se Feinde der Götter (oder nicht?). Alle Halbblut-Götter sind eben doch mentale Vollblut-Götter und haben wie es scheint keinerlei Sympathie oder Loyalität gegenüber Riesen. Weder Odin, Vili und Ve, noch Tyr, noch Vidarr, Vali oder Heimdall (der sogar neun riesische Mütter hat).

    Zitat

    Es gibt keinen Mythos von Baldr und Loki und auch sonst hat Loki ja
    keine großartigen Streitigkeiten mit Baldr (im Vergleich z.B. zu
    Heimdall).

    Weshalb es womöglich eher den Fakten entspricht, dass Baldr und Hödr verfeindet waren wegen Nanna. Der lichte Sonnengott und der dunkle Nachtgott (der als blind geschildert wird). Lokis Rolle ist vielleicht vielerorts unterschiedlich verstanden worden, so z.B. bei den westnordischen Völkern (Snorri) eher als aktiver Intrigant im Hintergrund (vielleicht sogar ohne Grundlage und mehr als Interpretation) oder bei den ostnordischen Völkern (Saxo) als unbeteiligt (wobei Untätigkeit ja auch unterlasse Hilfeleistung sein kann...)

    Zitat

    Alle männlichen Götter entstammen entweder dem Geschlecht der Asen oder
    Vanen.

    Allerdings besteht z.B. für Ullr keinerlei direkte Vaterschaft, hier "schweigen" die Quellen (bzw. wurden wie so viele dem Christentum geopfert). Lediglich seine Mutter wird überliefert: Sif. Es wird auch "verschwiegen" warum ihr Mann nicht mehr da ist oder gar tot ist. (Aufgrund meiner These Ullr-Tyr vermute ich hier ja den toten Riesen Hymir, aber das werde ich noch weiter erforschen).

    Zitat

    Loki bildet hier die große Ausnahme und dessen Aufnahme bei den
    Asen wird auch thematisiert.

    Wird sie das? Soweit ich weiß, gibt es doch nur den Satz am Rande der Lokasenna, dass er "in Urzeiten" sein Blut mit Odin mischte. Der Mythos an sich wird nicht als Geschichte überliefert. Ist also wie so viele weitere Mythen ein weiteres Opfer der Christianisierung geworden.


    Übrigens ist auch der Gott Heimdall nur als Sohn von neun Müttern überliefert (in selben Vers, indem Odin als Freyrs und Tyrs Vater bezeichnet wird, wird er auch als Vater Heimdalls bezeichnet, das stimmt). Aus alten Skaldenversen oder der älteren Edda ergibt sich kein Vater (wie bei Ullr). Allerdings müsste gerade das eher irritieren, da gerade Odin sich praktisch aller Liebesabenteuer mehr oder weniger rühmt bzw. alle ausführlich bei Snorri erwähnt werden: Gunnlöd (womögl. Bragis Mutter), Rinda (Vidarr) etc.

    Ein paar kleine Nachträge:


    Zitat

    sind doch schon unsere Überlieferungen da ganz eindeutig.


    Was die Stellung des obersten Gottes angeht, ist sie zumindest überwiegend so, dass Wodan/Merkur allgemein der Höchste ist. Auch wenn es einige Berichte gibt über Stämme, die Ziu/Mars oder Ziu/Ares als höchsten verehrten. Das wäre vergleichbar mit den athenischen Griechen, die Zeus als höchsten Gott verehrten und den Spartanern, die auf Ares vertrauten.


    Zitat

    Ich denke das Týr in Urzeiten „nur“ ein Titel war.

    Ich würde das anders sehen, da z.B. im westgermanischen Ziu oder Tiw gar nicht als Götterbezeichnung auftauchen. Dagegen allerdings sogar im ahd. Ans- als Bestandteil von Namen oder ae. Os-. Man kann natürlich beides vertreten: Der Titel, der zum Gottesnamen wurde oder des Gottesname, der zum Titel wurde. Allerdings ist genau diese Form "Týr des Sieges" Sigtýr = Wodan im altbabylonischen belegt, in welcher von manchem Gott als "Marduk des Krieges" gesprochen wird. Nur ist hierbei die Situation anders: Marduk war bei den Babyloniern der Höchste. Aber das nur am Rande.

    Zitat

    Gleichzeitig ging der Eigenname des Gottes, den wir heute als Týr kennen, verloren bzw der einstige Titel wurde zum Eigennamen.

    Hehe, dahinter steht vielleicht sogar ziemlich viel. Ich werde dazu später nochmal kommen. Gerade wenn man Týr und Ullr vergleicht, erscheinen beide eher als ein und derselbe Gott, so wäre aus einem Ullr-Týr (was übersetzt: "Herrlicher Gott" bedeutet hätte) irgendwann im süd-altnordischen (d.h. Dänemark) nur noch Týr geworden, während im ost-altnodischen (d.h. Schweden) nur der Bestandteil Ullr übrig blieb. Darauf weisen auch zahlreiche Ortsnamen, z.B. fehlt Ullr komplett in Dänemark, dafür gibt es Tysnes etc., während in Schweden Tyr komplett fehlt, dafür gibt es Ullervi zuhauf. Gerade in Norwegen überschneidet sich dann die Grenze.

    Zitat

    In der Gylfaginning und im Skáldskaparmál können wir jedoch lesen, das Týr Ase und Odins Sohn ist.

    Allerdings nur in einem Vers, in dem auch Freyr als Sohn Odins bezeichnet wird. Hier würde ich z.B. "Sohn Odins" eher als Kenning für "Anse/Ase" lesen.

    Zitat

    Wäre nun Hymir tatsächlich der Vater von Tyr gewesen, hätte Tyr diesen Tot rächen müssen. Dies tut er aber nicht und somit muss „Vater“ hier anders gemeint sein.

    Das würde ich nicht als zwingend erachten. Wir haben den Fall der Skadi, deren Vater von den Göttern erschlagen wird, sie erhält dafür eine Entschädigung und verzichtet auf ihre Rache. Das Lied ist wie ich finde etwas zu kurz, um pauschal über Týrs Reaktion auf den Tod seines Vaters zu schließen. Was bekam er als Gegenleistung? Vielleicht den Hof seines Vaters? So wie Skadi den Hof ihres Vaters Thjazi? Erfahren wir doch, dass Hymir eine riesige Stier-Herde besaß (eben jene Tiere, die dem Týr in der Überlieferung als heilige Opfertiere gelten). Erhielt er erst in der Folge dieses Kesselgewinns sein Schwert Týrfing? Ist das die mögliche Erklärung, warum es so heißt? Weil hier -fing für Hand steht und es als Ersatz für den Verlust seiner Hand gedacht war? Gerade einige einhändige Götter aus anderen idg. Überlieferungen erhalten ihre verlorene Hand ersetzt: Sei es durch Silberhände oder Goldhände oder vielleicht wie hier durch eine Eisenhand = Schwert? Naja. Nur so mal als Anregung zum Nachdenken ;-)

    Zitat

    Das war bei unseren Ahnen und deren Priestern nicht der Fall. Damals wie heute ist die Verbindung des einzelnen, direkt mit den Göttern das wichtigste.


    Aber auch in der Gemeinschaft natürlich. Es gibt aus der Antike Berichte über gläubige Heiden, die sich z.B. auf Schiffen, die in heftige Stürme gerieten, fragten, ob ein "Sünder" an Bord sei, der die Götter gelästert hätte (z.B. durch Tempel-Raub oder Entweihung eines Heiligtums). Gerade deshalb mag es wichtig sein, sich als Gemeinschaft zu versichern, dass die Mitglieder zumindest ähnlicher Gesinnung sind. Das macht auch den Unterschied aus, ob man völlig Fremde zu sich ins Haus einlädt oder zu einem Bluster, bei dem alle Anwesenden zumindest "Opferbereitschaft" im Sinne haben sollten. Es mag keine Verpflichtung sein, den Göttern gegenüber zu treten in völliger Demut (stammt das Wort doch aus ahd. dio - Diener und ahd. muot - Einstellung, etc.), aber man sollte im Sinne haben, wer hier der Mächtigere ist und dann getreu sein Opfer darbringen. Rein theoretisch sind Christen hiervon nicht ausgeschlossen, man kann jederzeit also Christen zu seinem Bluster mitbringen, wenn sie mitopfern ist den Göttern die nötige Achtung erwiesen (die Kehrseite ist der Zorn, den sich Christen von ihrem eigenen "alleinigen" Gott einholen könnten, was aber den Bluster-Ausrichten nicht belangen muss).

    Zitat

    Einen kleinen Seitenhieb kann ich mir aber nicht verkneifen: Als ich früher mit meinen Eltern in den Ostergottesdienst gegangen bin, habe ich absolut keinen Millimeter Morgenröte in diesem kalten und dunklen Gemäuer gesehen ;-)


    Das ist natürlich auch absolut berechtigt. Selbst wenn die Kirche lauter Fenster hätte durch die die Sonnenstrahlen hereinfallen könnten, wäre das nicht ansatzweise zu vergleichen mit einer heidnischen Gemeinde, die im Freien auf die aufgehende Sonne wartet und sie beim ersten Aufstieg über den Himmelsrand erblicken kann und ihre warmen Strahlen tatsächlich spürt...

    Vielleicht noch ein paar Nachträge zum Brauchtum der Osterzeit:


    In unserem Vetterland Schweden ist es Brauch, dass Frauen bei Nacht heimlich und schweigend an eine Quelle gehen (idealerweise eine geheiligte), um das sogenannte Osterwasser zu schöpfen. Wenn es ihnen gelingt, dabei nicht gesehen zu werden (womöglich deshalb das Schweigen) und mit dem Wasser ihren Liebsten zu benetzen, dann erobern sie damit seine Liebe (für mich ein Verweis darauf, dass Ostara auch eine Liebesgöttin gewesen sein mag). Gleichermaßen ist es dort üblich zu Ostern mit Feuerwerk und Radau zu feieren (die letzten Wintergeister vertreiben?). Desweiteren gibt es die (vielleicht aus christlicher Sicht so bezeichneten)„Osterhexen“, welche symbolisch am Osterfeuer verjagt werden (in alter Zeit wurden sie vielleicht herbeigelockt oder sie sollen doch Riesenweiber symbolisieren). Am Gründonnerstag wiederum ist es Brauch, dass schwedischen Kinder sich als „Osterweiber“ verkleiden (Auf Schwedisch: Påskkärring). Dann laufen sie mit langen Röcken und Kopftüchern durch die Straßen und betteln an den Türen um Süßigkeiten, als „Bezahlung“ überreichen sie selbstgemalte Osterbilder (womöglich eine Paralle zur Göttin Frija/Frigg, die von Wesen zu Wesen zieht, um jedem den Schwur abzunehmen, ihren Sohn Balder nicht zu verletzen).

    Schön, dass du das Thema auch hierher getragen hast, denn es ist durchaus von großer Relevanz.


    Zitat

    Häufig werde argumentiert, dass schon der Name des Osterfests auf seinen heidnischen Ursprung hindeutet. Er stamme angeblich von einer germanischen Frühlingsgöttin namens Ostara. Diese aber ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts.


    Das ist insofern eine dreiste Lüge, als dass Beda Venerabilis (ein angelsächsischer Chronist) dieses Fest explizit so erwähnt. Er spricht von einem Fest, dass einer heidnische Göttin Eostre geweiht sei und von IHR (nicht anders herum) den Namen trage. Wie gesagt: Ein christlicher Chronist. Und ein zuverlässiger dazu. Wenn also heute Christen dieses Fest als Erfindung hinstellen wollen, diskreditieren sie einen aufrechten, christliche Chronisten!


    Zitat

    Die Morgenröte spiele eine so große Rolle, weil am Ostermorgen ein Gottesdienst gefeiert wird, der vor Tagesanbruch beginnt und die Morgenröte erlebt, sagt der Theologe.


    Das hingegen trifft zu. Wegen der Entdeckung des leeren Grabes Jesu „früh am Morgen, als eben die Sonne aufging“ (Markusevangelium 16,2) ist die Morgenröte im Christentum ein Symbol der Auferstehung ihres "Herrn". Die Canones Hippolyti (um 350) gaben daher für die Osternacht die Weisung: Nemo igitur illa nocte dormiat usque ad auroram („Niemand soll in dieser Nacht schlafen, sondern wach bleiben bis zur Morgenröte“). Dieser Brauch wird auch heute noch von Christen gepflegt. Allerdings spricht das meiner Meinung eher dafür, dass die bisherigen Bräuchen UMSO LEICHTER überlagert werden konnten. Die Germanen ehrten eine Göttin des herannahenden Frühlings, die sich mit der Morgenröte zeigte. Die Christen ihren "Heiland", der ihnen in der Morgenröte angeblich erschienen war.


    Zitat

    Rot gefärbt, steht es für die Farbe des Blutes, und damit für das Grab Christi, in dem das Leben nicht erloschen ist.“


    Das halte ich wiederum für nicht sonderlich wahrscheinlich. Die rote Farbe kann für sehr vieles stehen. Für Donar den möglichen Mann der Ostara, falls sie mit Sif identisch ist, allgemein für Lebenskraft oder einfach für die MorgenRÖTE selbst. Naja, der Theologe wollte es eben mal versuchen ;-)

    Zitat

    Dazu habe ich mir dann auch noch klar gemacht oder, wenn man so will, visualisiert, das meine Sohn nun ein neuer Teil meiner Sippe ist und somit auch spirituell eine Verbindung besteht.


    Das finde ich sehr schön ;-), gelebter Glaube. Darf ich fragen, ob ihr aus der Nachgeburt einen Lebensbaum deines Sohnes gepflanzt habt? Ich muss gestehen, dass ich nicht direkt weiß, woher dieser Brauch stammt, aber manche Heiden praktizieren ihn bereits...


    Zitat

    Da ich mir wünschen würde, das mein Sohn dereinst selbst Mitglied in der Gefolgschaft werden wird, würde eine Feier dann wohl innerhalb der Gefolgschaft stattfinden, samt Blót, Gefolgschaftsschwur usw.


    Darf ich fragen, ob du schon davor Rituale vorgesehen hast?


    Zitat

    Hochzeit ist so ein Thema.


    Darf ich fragen wie du das meinst? Beziehst du dich darauf, dass die Ehe bei den Ahnen (vermutlich) eher privaten Charakter hatte und eher nüchtern betrachtet wurde?


    Zitat

    So ich Mittgard verlassen habe, hoffe ich das die GdG eine starke und stabile Gemeinschaft ist, welche ich die rituelle und feierliche Begehung meines Übergangs anvertrauen kann.


    Aber wie würdest du dir das vorstellen? Eine festliche Verbrennung? Ein Seebegräbnis? Ein großer Erdhügel über dir mit deinen Schätzen? Falls möglich eine Beerdigung auf einem "heidnischen" Friedhof?

    Zitat

    til á einu áliðnu hausti...
    Gegen den einen späten Herbst[tag]...


    Ja, aber das bezieht sich ja auf den Tod des Hengstes. Es kann natürlich gut sein, dass damit die ganze Feierlichkeit gemeint ist, keine Frage. Ich wollte den Satz nur nicht aus dem Kontext ziehen und als perfekte Markierung der Festzeit präsentieren ;-)

    Zitat

    Da bin ich ganz deutlich anderer Auffassung. Die Gylfaginnyng ist kein Kunstroman. Natürlich ist sie geschickt erzählt, dennoch ist sie religiöse Offenbarung (und nein, das hat nichts mit Christentum zu tun!)


    Ja, die Gylfaginning ist kein Kunstroman. Aber sie ist dennoch Literatur. Und zwar Literatur, die bis heute geläufig und bekannt ist, vor allem in Island, aber auch in den nordischen Ländern. Weißt du, es ist kein Widerspruch an die Götter zu glauben und trotzdem streng zu prüfen, was zur Überlieferung gehört und was bereits Adaptation und Synkretismus ist. Dass es Synkretismus gegeben hat wird ja niemand bestreiten. Dass es Gussformen gab, die Thorshämmer und Christuskreuze herstellen konnten, das kann gar keiner bestreiten, sie sind archäologisch entdeckt worden. Es gab Thorshämmer mit eingravierten Kreuz und umgekehrt. D.h. es hat ein Austausch von Vorstellungen stattgefunden. Den kann man schlecht leugnen, wenn die Beweise so überwältigend sind.


    Wenn man die Gylfaginning als religiöse Offenbarung sieht, dann muss man irgendwie rechtfertigen, woran man das festmacht. Wenn du dafür den Inhalt nimmst, dann ist das legitim, wenn die Ausführungen schlüssig und in sich stimmig sind (Aber ich vermute den Prolog erkennst du nicht als von Snorri geschrieben an? Korrigiere mich ruhig, falls du es doch anders siehst). Allerdings sobald die Gylfaginning religiöse Offenbarung war, fängt die Spaltung erst recht an. Denn in dem Moment, indem Glaube kodifiziert wird, schwindet a) der Spielraum für den Individualglauben und b) muss es eine Rechtfertigung von den Kodifikanten geben. Wie ich auf so etwas komme? Nun, es ist historisch belegt, bei vielen Religionen: Z.B. im Judentum. Mit dem Niederschreiben des Glaubens ist es mit dem Polytheismus übrigens aus und vorbei. Sobald sie alles aufschrieben, war der Monotheismus bereits die vorherrschende Kraft und dieses Phänomen zieht sich durch. Beim Islam markiert dies der geschriebene Koran. Damit ist die arabische Mondgöttin geschichte und der eine unter vielen namens Allah wird zum einzigen Gott. Zeichnet sich das sogar im Heidentum ab? Ja, das tut es. Die hinduistischen "Hoch-Religionen" (die dann eben Monotheismus sind) sind allesamt erst nach dem schriftlichen Festhalten der Glaubensinhalte entstanden. Danach wurde für manche Shiva zum Allmächtigen und Schöpfergott, für manche wurde es Vishnu, für andere wurde es die Göttin Shakti. Mit dem Polytheismus war es zwar dort nicht vorbei (bis heute nicht), aber für die Priester dieser "Hoch-Götter" waren alle übrigen Götter zu Engeln und Dämonen geworden. Nicht fähig ohne Shivas oder Vishnus Erlaubnis zu handeln. Was übrigens viele andere Inder bis heute nicht davon abhält religionalen Göttern oder "untergeordneten" Göttern zu opfern und zu huldigen.


    Worauf läuft das ganze hinaus? Wie oben erwähnt: Religiöse Offenbarung. Shivaiten und Vishnuiten hatten ihre Offenbarungen. Und die führten zu grundsätzlichen Veränderungen der ursprünglichen religiösen Darstellung und dem ursprünglichen Göttersystem. Also wenn Snorri wirklich eine Offenbarung bieten wollte, dann hatte er bereits den Wodanismus eingeleitet. Den Aufstieg Wodans zum allmächtigen Schöpfergott ohne Konkurrenz durch andere Götter, die ihm (wie Snorri schreibt) "wie Kinder dem Vater dienen", das ist zwar nicht zwangsläufig christlich, aber definitiv monotheistisch (wer es nicht glaubt, darf gerne die entsprechenden Texte über Shiva und Vishnu und ihr Verhältnis zu den anderen Göttern studieren, es wird im wie Schuppen von den Augen fallen...). Und ich will ehrlich sein: Es ist mir nicht egal, was Snorri schrieb (immerhin ist er die wichtigsten Quelle für die Mythologie), aber ich halte a) seine Ansicht bezüglich der Götter (wenn es seine überhaupt war, was aber gut sein kann) NICHT für bindend und b) obwohl ich Wodan-Anhänger bin, sehe ich in ihm keinen zu 100% übergeordneten Gott, der auf keinen anderen Gott angewiesen wäre, sondern den König der Götter.


    Es ist ohnehin etwas anmaßend gegenüber all den gläubigen Heiden aus dem Süden, Westen und Osten, bei denen keine Spur einer Gylfaginning nachzuweisen ist, ihnen das Werk Snorri überzustülpen und sie zu Anhängern einer Tradition zu deklarieren, die vor Snorri nicht zu belegen ist. Und ich für meinen Teil habe ERST die Quellen studiert und DANN meinen Glauben nach dem ausgerichtet, was zweifelsfrei für Süden, Osten, Norden und Westen zu belegen ist UND was sich im indogermanischen Kontext der anderen Religion nicht als Sonderweg ausweist. Wenn man ZUERST glaubt und den allmächtigen Übergott schon von vorne herein zum Inhalt jeder Religion erklärt, kann man praktisch nicht offen und unvereingenommen an die Quellen gehen. Dann findet man irgendwie und irgendwo Namen und Schilderungen, die schon irgendwie passen, aber dann muss man regelrecht zwanghaft alle Widersprüche und Einwänden von sich weisen und das kann ich nicht und das werde ich auch nicht tun. Die Quellenlage für Dreiheiten von Göttern, die gemeinsam einem Pantheon vorstehen ist zu überwältigend, die Quellenlage für alternative Hochgötter der Germanen neben Wodan ebenfalls. Und vom religiösen Glauben der germanischen Frau ist in den Quellen ohnehin außer Resten nichts enthalten. Aus Snorris Werk ALLEINE auf den Glauben aller Germanen zu schließen, das ist schon ziemlich hochgegriffen. Unabhängig wie viel Offenbarung darin steckt. Ist ja nicht so als ob Offenbarung völlig daneben sein können -> Moses, Jesus, Mohammed (oder sind die etwa AUCH alle wahr?!). Man wird nicht zum "Nicht-Heiden" weil man Snorri für fehlerhaft oder kreativ hält. Schon gar nicht wird man vom Altheiden zum Neuheiden. Snorris Schilderungen sind nachweislich NACH den Äußerungen vieler Skalden aufgeschrieben. Und diese Skalden waren nachweislich Heiden, bei denen kein Wissenschafler ihr Heidentum anfechten könnte. Denen kann man wirklich zu 100% trauen. Übrigens erkläre ich auch im Gegenzug keinen Snorri-Gläubigen zum Neuheiden, aber ebenso wenig wie ich den Wikingern überstülpe, dass sie alle "ursprünglich Tiwaz für den höchsten Gott hielten", sehe ich es ungern, wenn man andersherum verfährt und aus späten Quellen eine Urreligion konstruiert, anstatt hierbei die (naheliegende) verwandte Mythologie der Griechen und Inder verwendet, sowie germanische Zeugnisse aus dieser Zeit (Runeninschriften, Felszeichnungen).


    Zitat

    Das es eine Vision ist, hat nichts mit dem Titel zu tun. Hätte Snorri drüber geschrieben "Göttliche Vision" hätte er wohl genau das Gegenteil erreicht, von dem, was er wollte.


    Ich halte es nach wie vor für ein Märchen, dass auf Island in irgendeiner Art und Weise eine Verfolgung von heidnischem Gedankengut stattgefunden haben soll. Das ist NIRGENDWO ansatzweise belegt oder auch nur angedeutet. Nirgendwo auf Island wurden Heiden verbrannt oder gefoltert oder verjagt. Und da die kontinentalen Quellen über derartige Vorfälle nie geschwiegen haben (dort hat es das gegeben), ist es absurd anzunehmen auf Island hätte es gewaltige Vertuschungsaktion stattgefunden. Wer soll diesen obskure Obrigkeit auf Island gewesen sein, die heidnische Überlieferung geächtet haben soll? Die mächtigen Familien waren immer in Kämpfe unter einander verwickelt und nie ging es um Religion, sondern um Macht. Es sollte auch zu denken geben, dass es ein BISCHOF war, der die (sogenannte) ältere Edda auffand und bewahrte! So weit her scheint es mit der Verfolgung heidnischer Überlieferung auf Island nie gewesen sein. Wenn Snorri gewollt hätte, hätte er das ganze sogar explizit "Der Glaube unserer Vorfahren" nennen können und niemand hätte ihm dafür ein Haar gekrümmt. Es gibt derart viel was an heidnischem Gedankengott durch Sagas und Geschichten streunt, dass es wirklich unglaubwürdig hoch zehn wirkt, irgendeinen Heidenverfolgung auf Island herbeizureden. Er hätte es auch geschickt als Vision eines alten heidnischen Goden tarnen können und auch dafür wäre ihm kein Schaden entstanden. Ein kleiner Satz "es war der Glaube der Leute zur damaligen Zeit, dass diese Visionen dieser Goden als Botschaft der Götter angewesen wurde" und schon ist das ganze als Irrglaube der Vergangenheit gebrandmarkt und niemand nimmt Anstoß. Nein, tut mir Leid, die isländische Gesellschaft war von Beginn an die toleranteste in religiösen Fragen in ganz Europa. Es hat hier übrigens auch keine Hexenverbrennungen oder Ketzerprozesse gegeben. Und als die Reformation kam, waren die Isländer verdammt schnell vom katholischen Aberglauben zum deutlich nüchterneren Protestantismus gewechselt. Tut mir Leid, ich sehe die Sachlage und ich kann nicht anders als die Dinge so zu sehen wie sie sich nach Ausweis aller Quellen darstellen. Vielleicht fehlt mir die Phantasie für geheime Zirkel von heidnischen Goden im Island des 12. und 13. Jahrhunderts, die mit letzter Kraft die Überlieferung retten für die neue Morgenröte des Heidentums 700-800 Jahre später... es tut mir wirklich Leid.