Die Anführer der Germanen und die Glaubensvermittlung

  • Grüß euch,



    ich schreibe heute einen groben Überblick über die Stammesstrukturen der Germanen, weil die in letzter Zeit wieder vermehrt missverstanden und mit denen der Römer verglichen werden. Die Strukturen der Römer liegen denen der Germanen allerdings fern.

    Die Anführer der Germanen und die Glaubensvermittlung


    Vorweg sei gesagt, ich nenne sie absichtlich Anführer und nicht Herrscher, denn sie führten ihre Gefolgschaft verdient an und befehligten sie nicht bloß. Um die Stammesstrukturen der Germanen zu verstehen, muss man sich mit ihrem Volkscharakter auseinandersetzen, dieses Wissen setze ich hier voraus.


    An oberster Stelle jedes Stammes stehen die Götter, das ist unanfechtbar.


    Nun gab es auch Stammesführer, bzw. "Könige" (Ben. Tac.)*, sie wurden aufgrund des Adels ihrer Abstammung gewählt. Sie führten den Stamm und entschieden bei großen Angelegenheiten wie Kriegen und dergleichen mit gewichtiger Stimme mit. Der hier benannte Adel ist aber kein nichtsnutziges Geburtsrecht, sondern den großen Taten von Vorfahren zu verdanken. Auch Tacitus beobachtete schon, dass diese keineswegs Freiheit zur Willkür hatten. Auch sie mussten ihre Führungsqualitäten unter Beweis stellen und hatten kein Grundrecht, Bestrafungen zu verhängen.


    Das Recht zur Bestrafung obliegte den fälschlicherweise titulierten „Priestern“ (Ben. Tac.)*. Man darf die von Tacitus titulierten Priester aber nicht mit denen der Römer vergleichen. Sie waren nur in seltenen Fällen auch Tempelwart, die Weitergabe der Werte des Glaubens war die Aufgabe des Familienoberhauptes. Strafen wurden für Vergehen wie Ehebruch, Totschlag, Diebsthal, Verrat und ähnliches verhängt. Dabei konnte am Thing eine Klage auf Leben und Tod erhoben werden. Kleinere Vergehen wurden mit Vieh und Pferdezahlungen beglichen. Aber auch Totschlag konnte damit beglichen werden. Einen Teil der „Zahlungen“ ging dem König und dem Volke zur Gute, der andere den Geschädigten.


    Damals wie auch heute brauchen wir keine Priester, durch die wir zu den Göttern sprechen, der persönliche Draht jedes einzelnen zu den Göttern ist und war von besonderer Bedeutung. Diese fälschlich benannten Priester hatten mehr eine organisatorische Rolle und waren auch mit der Ausrichtung des Things betraut. Ebenso sprachen sie auf diesem und wahrten die Ordnung. Sie waren ebenso wie jeder und jede andere mit dem Kampfe vertraut.


    Das oftgenannte „Amt des Goden“ ist nur aus spätisländischen Quellen bekannt und fällt nicht in Zusammenhang mit Germanen unserer Breitengrade, auch ist über dieses Amt nur wenig bekannt und wird oft als Priestertum der Germanen missverstanden. Diese hatten aber nie fixe „hauptberufliche“ Priester und schon gar keine Ober-Goden mit Papstähnlichen Strukturen. Denn wie erwähnt, die Wertevermittlung übernahm das Familienoberhaupt und der Kontakt zu den Göttern war persönlich.


    Die Frauen jedoch wurden als heilig und hellsichtig angesehen. Auch durch sie sprachen die Götter, ebenso wie durch Orakel-Rituale.


    Weiters gab es Herzöge (Ben. Tac.)*, also Gefolgschaftsführer. Sie wurden durch ihre besondere Tapferkeit und das Können in der Schlacht ausgewählt. Diese Gefolgschaftsführer umgaben sich mit einer Gefolgschaft, in der es auch eine indirekte Rangordnung gab. Es war eine gegenseitige Ehre; die Gefolgschaft des Heeresführers war dessen ganze Würde und Kraft, seine Ehrengarde in Friedenszeiten und seine Leibwache im Krieg. Seine Gefolgschaft kannte keinen größeren Lohn als für ihren Führer und ihre Familien in der Schlacht zu sterben. Ohne seinen Heeresführer aus der Schlacht zu kommen, galt als Schande, denn man tat nicht alles um sein Leben zu schützen.


    Zur Besonderung Vertiefung des Zusammenhalts kämpften meist Sippenverbände Seite an Seite, denn das Wimmern und Geschrei Verwandter spornte besonders an.


    Auch Sklaven hatten eine differenzierte Stellung. Sie zu schlagen war nur in selten Fällen der Fall und dann nicht als Züchtigung, sondern aus Jähzorn. Sie zu erschlagen trug keine Strafverfolgung nach sich. Meist standen sie einem Hause und Hof vor und waren lediglich zur Abgabe bestimmter Mengen an ihren Herren verpflichtet. Die Abgabe aller Stammesmitglieder an den König erfolgte übrigens zwanglos, denn es wurde als Ehre und selbstverständlich angesehen, dem König Gaben zu überbringen.


    Ich hoffe ich konnte einen kleinen Überblick über verschiedene Stammesaufgaben vermitteln. Wichtig dabei ist mir herauszuheben, dass diese eben im vollkommenen Unterschied zu denen der christlichen beherrschten Völker stehen. Lasst euch bitte niemals auf Thursen-geleitete Glaubensüberbringer, Priester oder sonstige "religiöse Vermittler" ein. In unserem Glauben steht und stand seit je her der persönliche Draht jedes einzelnen zu den Göttern im Mittelpunkt. Vergesst das nie! Achtet also auf Eure Umwelt, Ehrt die Natur und öffnet die Augen für die Zeichen der Götter.



    Zeichenerklärung:

    *(Ben. Tac.) = Benannt durch Tacitus;


    Quellen:

    Tacitus - "Germania"
    Karl Joseph Simrock (Übersetzer) - "Die Edda"
    Saxo Grammaticus - "Dänische Heldensagen"
    Jacob Grimm - "Deutsche Mythologie"
    Wolfgang Golther - "Germanische Mythologie"
    Emil Engelmann - "Germanias Sagenborn" (1890 sowie 1897; Zweite und Dritte Auflage, sowie "Neue Folgen")


    LG OzeanAmHorizont